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Aktuelles

Tagung "Der Umgang mit früheren KZ-Außenlagern nach 1945. Perspektiven des Erinnerns heute

Um die Diskussion zum Umgang mit der Ortshistorie zu beförden, auch im Hinblick auf die Gedenktafel in der Langen Gasse zu den jüdischen Häftlingsfrauen, die dort bei ihrem Leidensmarsch übernachtet haben, soll auf die unten angekündigte Tagung hingewiesen werden:

Liebe Interessierte,
der Gedenkstättenverbund Gäu-Neckar-Alb und die KZ-Gedenkstätte
Bisingen, die KZ-Gedenkstätte Hailfingen-Tailfingen, die Initiative
Gedenkstätte Eckerwald und der Arbeitskreis "Wüste" Balingen
veranstalten am 14. Oktober 2017 in der Bürgerhalle Gäufelden-Tailfingen
die Tagung "Der Umgang mit früheren KZ-Außenlagern nach 1945.
Perspektiven des Erinnerns heute\.  Die Tagung richtet sich an
Lehrerinnen und Lehrer, Studierende, junge Menschen, Mitglieder der
Gedenkstätten, VertreterInnen aus Politik, Kirchen und Verbänden sowie
an alle interessierten Bürgerinnen und Bürger.

Die Teilnahme ist kostenlos. Eine Anmeldung ist bis zum 7. Oktober 2017
bei Dr. Martin Ulmer, dem Geschäftsführer des Gedenkstättenverbunds
Gäu-Neckar-Alb, unter Ulmer@gedenkstaettenverbund-gna.org möglich. Ein
Mittagessen (vegan, vegetarisch und nichtvegetarisch) wird für 5 Euro
angeboten. 

Am Nachmittag können die Teilnehmenden sich an zwei Workshops
beteiligen. Bei der Anmeldung per Email sollte die Adresse, das
Mittagessen (vegan, vegetarisch, nichtvegetarisch) und die zwei
gewünschnten Workshops angegeben werden.
Besten Dank und viele Grüße
Martin Ulmer

Anmeldung bei:
Dr. Martin Ulmer
Geschäftsführer des
Gedenkstaettenverbunds Gäu-Neckar-Alb e.V.
www.gedenkstaettenverbund-gna.org
Ulmer@gedenkstaettenverbund-gna.org
Ulmer-Martin@t-online.de
Tel.0174-3046043

Download: Flyer KZ-Tagung.pdf

Härtenflohmarkt 2017

An ca. 100 Flohmarktständen wurden in allen 5 Teilorten die unterschiedlichsten Gegenstände angeboten. Die breite Angebotspalette reichte von Fahrrädern über Musikinstrumente bis zum Kartenspiel, die Preise waren fast immer sehr günstig. An den orangenen Schirmen waren viele  Stände weithin sichtbar. Damit sich die Besucher orientieren konnten, gab es einen Flyer mit den Ortsplänen auf denen die angemeldeten Stände eingezeichnet waren. Trotzdem haben Stände, die nicht so zentral lagen, nicht das erhoffte Publikum erreicht. Viele Teilnehmer, die den geliehenen Schirm zurückbrachten, erklärten sie würden nächstes Jahr wieder mitmachen. Vor allem wurde über  schöne Begegnungen und Gespräche an den Ständen berichtet.
Die Härtenliste wird nun eine Umfrage unter den Standteilnehmern durchführen. Der nächste Flohmarkt wird anlässlich des Dorffestes Härtenflohmarkt-Karlstrasse-Web.jpg2018 zentral in Kusterdingen stattfinden

Zusammenfassung Umfrage zum Härtenflohmarkt

wie versprochen erhaltet Ihr heute die Auswertung unserer Umfrage:

Insgesamt beteiligten sich 23 von 64 angeschriebenen Teilnehmern.

Die Zufriedenheit lag bei der Note 3,0. Bei 17 Nennungen waren alle Noten dabei. Öfters wurde beklagt, dass wenig Kunden unterwegs waren und nur geringe Umsätze erzielt wurden. Hervorgehoben wurde mehrmals die angenehme Atmosphäre und Gespräche mit der Nachbarschaft.

11 Teilnehmer würden sich nochmals an einem Hofflohmarkt beteiligen, 9 sind auch an einem zentralen Flohmarkt interessiert.

Es wurden zahlreiche Verbesserungsvorschläge gemacht wie z.B. zentraler Flohmarkt, aber nur in einem Ortsteil evtl. auch kombiniert mit Hofflohmarkt in diesem Ortsteil. Die detaillierten Vorschläge stehen unten.

9 Personen sind bereit, bei einem weiteren Flohmarkt mitzuhelfen. 

Liste mit Verbesserungsvorschlägen

Wir wurden immer wieder darauf angesprochen dass es besser wäre der Flohmarkt wäre an einer zentralen Stelle!

-mindestens in jedem Ort an einer zentralen Stelle

- oder abwechselnd in den Ortschaften

Einen zentralen Flohmarkt in den einzelnen Teilorten oder aber in Kusterdingen selber halte ich für eine deutlich bessere Idee. Am Hofflohmarkt würde ich mich nicht noch einmal beteiligen.

Gerne würde ich bei der Organisation mithelfen.

Nicht mehr so großflächig präsentieren. Zentral wäre vielleicht doch besser.

Nur in einem Teilort

Ein zentralerer Flohmarkt hat evtl. mehr Anziehungskraft, aber das Abklappern und Ausflug  machen hat auch etwas Nettes.

Für die Anbieter ist es natürlich nett und bequem, das ganze vor dem eigenen Haus zu machen als noch ggf. ein großes Auto auszuleihen und irgendwohin und wieder Heim transportieren zu müssen.

Meine Befürchtung ist, es gibt auf den Härten einfach mehr Leute, die etwas loswerden wollen als Leute, die etwas brauchen.

Ein Zentraler Flohmarkt ist zwar etwas mehr Aufwand für die Verkäufer, aber man erreicht deutlich mehr Kunden und ein geselligeres Miteinander sowohl von Verkäufern, als auch von Käufern. Evtl. gekoppelt mit dem Verkauf von Getränken und/oder Essen. Diejenigen, die an Flohmärkten interessiert sind, hatten fast alle selbst einen Stand und durch die große Entfernung nicht die Möglichkeit bei den anderen Ständen vorbei zu schauen.

Der Standort am Ortsrand Jettenburg war einfach zu weit außerhalb.Vielleicht könnte man eine Alternative anbieten, z.B. im Garten der alten Schule, wo alle ihren Stand aufbauen können, die daheim nicht verkaufen können oder wollen.

Ich fand's nett und sehr gut vorbereitet. Danke an das Team! Wenn es bekannter und zu einer Tradition wird, gibt's mehr Kunden. Zudem fanden an dem Wochenende viele Veranstaltungen statt, auch das Neckarfest in Rottenburg mit dem Riesenflohmarkt.

Vorher Parallelveranstaltungen im Kreis checken: Stadtfest in Rottenburg, Stadtfest in Hechingen, Radfahr-Event in Rt, Hockete hier und da – alles too much an einem Tag. Da kamen nur wenige Leute auf die Härten und an meinen Stand. Allerdings sehr nette!!!

Wir wollten Ihnen jedoch rückmelden, dass die Idee zumindest für diese Art Flohmarkt gut war- wir hoffen dass wir beim nächsten Mal (sofern es noch einen Flohmarkt gibt) dabei sein können.

Kleine Anmerkung: Wenn ein Übersichtsplan (nach der Anmeldung) der beteiligten Verkäufer relativ aktuell und zeitnah online einzusehen wäre, könnten sich Käufer und Verkäufer schon vorab informieren (oder hatte ich das evtl. nur nicht gesehen?) Ich hoffe, Sie können mit diesem Feedback etwas anfangen.

Mehr Werbung, einen Ort je Gemeinde festlegen z.B.am Rathaus, wo alle Beteiligten gemeinsam verkaufen, auch Getränke/Essen anbieten und Sitzgelegenheiten....

Wenn die Flyer früher fertig gewesen wären, hätte man mehr Werbung machen können.
Nicht gleichzeitig mit dem Neckarfest in Rottenburg veranstalten, da dieses auch sehr
viele Flohmarktgänger anzieht.

Lieber weiter Hofflohmarkt, als zentraler Flohmarkt. Dafür vielleicht jedes Dorf extra an einem Tag, damit die Kundschaft eventuell alle Flohmarktteilnehmer aufsucht. Dann alle 14 Tage ein anderes Dorf.

VERSCHENKEN  STATT  WEGWERFEN  EVTL. 2 X IM JAHR

Ich fände es gut wenn sich auf den Härten ein Flohmarkt etabliert. Aber ich denke die Besucher wollen nur einen Standort. Auch weil viele mit den Auto kommen um ihre Einkäufe zu transportieren.
Ich weiß auch nicht, wie man noch mehr Kundschaft mobilisieren könnte, evtl. durch Sonderbusse aus den Studentenvierteln oder Flüchtlingsunterkünften ??? Vielleicht wäre es gut, die Diakonie oder andere Firmen und Non-Profit-Organisationen einzubeziehen, so dass es am Schluss eine Möglichkeit gibt, die umfangreichen Reste doch noch wenigsten sinnvoll zu verschenken oder zu entsorgen. Wenigstens Tipps, wo man den Rest nun loswerden kann, würde ich  mir wünschen. Betrifft ja alle.

 

 

Gedenktafel "Leidensmarsch jüdischer Häftlingsfrauen in Kusterdingen"

Was Kusterdingen mit dem Todesmarsch der Häftlingsfrauen zu tun hat

Am 8.Mai 2015 fand in Kusterdingen eine gut besuchte Gedenkveranstaltung für die ungarischen jüdischen Häftlingsfrauen statt. Es kamen ca. 80 Interessierte, vor allem waren viele ältere Kusterdingen da, die die Ereignisse teilweise noch als Kinder erlebt hatten. Chorleiter Meinrenken dirigierte den Chor Liederkranz, der die Veranstaltung mit 2 Liedern untermalte . Dr. Paul Starrach, Vorstand der Härtenliste für Demokratie und Umweltschutz eröffnete und moderierte die Veranstaltung als mitveranstaltende Partei. Der in der Härtenliste und in der Geschichtswerkstatt aktive Marc Schauecker informierte in einem ca 25 Minuten dauerndem Referat über die Ereignisse. Anschließend sprach der Vorstand der mit veranstaltenden Geschichtswerkstatt Dr. Martin Ulmer über die aktuellen faschistischen Umtriebe in der Region.

Bilder von der Gedenkveranstaltung

Initiative für eine Gedenktafel 

Der Vorstand der Härtenliste hat beschlossen, sich für eine Gedenktafel am Ort der Langegasse-11-möglicher-Aufstellungsort-Info-Tafel.jpgmittlerweile abgerissenen Scheune einzusetzen:

Es wurde folgender Text für die Gedenktafel erarbeitet.

Erinnerung an den Leidensmarsch derjüdischen ungarischen KZ-Häftlingsfrauen
Im Frühjahr 1945 wurden 155 jüdische Ungarinnen von SS-Bewachern von der Außenstelle Calw des Konzentrationslager Natzweiler-Strutthof ins Allgäu getrieben. Am 5. und 6. April 1945 übernachteten die Häftlingsfrauen in der Langen Gasse in Kusterdingen in einer Scheune, die heute nicht mehr existiert. Mit Bleistiften schrieben einige der Frauen ein Lebenszeichen auf die Holzbalken:
„Hier halten wir uns 2 Tage auf, wir sind zu Fuß gekommen Sprei Anci und Manyi aus Mezöcsat. Gott kann uns helfen, dass wir unsere Familien wieder sehen. Gott weiß, wo wir Ungarn sind. Wir leiden viel, wir haben großen Hunger, schlechte Schuhe, wir sind sehr verzagt.“
Der weitere Fußmarsch führte die Frauen nach Ulm, Memmingen, Kempten und Füssen. Angesichts der näher rückenden alliierten Truppen machten sich die Bewacher aus dem Staub. Die Frauen versteckten sich noch bis Ende April. Den ersten Mai erlebten sie als Tag der Befreiung.
Auf diesem leidensvollen und entbehrungsreichen Gewaltmarsch kam keine der Frauen zu Tode
.

Hier der Text des Vortrags von Marc Schauecker 

Einleitung:Scheuer-Langegasse-11.jpg
Wir stehen hier in der Langen Gasse an einem Ort, an dem bis Ende der 1980er Jahre eine Scheuer stand. In dieser Scheuer waren am 5. und 6. April 1945 für zwei Tage 155 ungarische jüdische Häftlingsfrauen unterbracht. Die KZ-Häftlingsfrauen wurden von SS Schergen auf einem Evakuierungsmarsch nach Osten getrieben, auf der Flucht vor der näher rückenden alliierten Front.  Diese Märsche wurden nach der Befreiung  von Überlebenden der KZs  als Todesmärsche bezeichnet.

Mit dieser Veranstaltung soll diesen Frauen und ihrem furchtbaren  Schicksal gedacht werden. Furchtbar auch deshalb, weil sie wussten, dass die Front und damit die Befreiung durch die alliierten Truppen immer näher rückte und sie Fliegerangriffen ausgesetzt quasi vor Ihren Befreiern fliehen mussten, einem ungewissen Schicksal entgegen. Es soll an die letzten Tage des Terrorregimes der Nazis erinnert werden, aufgezeigt werden, wer diese Frauen waren und wie sie von Ungarn nach Kusterdingen kamen, und wie das KZ System der SS in der verzweifelten Anstrengung, die militärische Niederlage doch noch abzuwenden, zu einer Entgrenzung des KZ Natzweiler in viele kleine Außenlager führte.

Bedeutung der Erinnerungskultur
Das Ende des zweiten Weltkriegs und das Ende der Naziherrschaft jähren sich 2015 zum 70. Mal. Ein Anlass für viele Menschen in Deutschland, der Opfer der Nazi-Gräuel zu gedenken. Für viele überzeugte Nazis ist eine Welt zusammengebrochen, doch das hat an ihrer nazistischen Ideologie nichts geändert, die in der Demokratie bis heute weiter wirkt.
Es gilt, einer Schlussstrichmentalität zu widersprechen, denen die sagen:
„Jetzt muss es doch einmal genug sein, mit dem ewigen Erinnern an die Naziverbrechen, das ist doch jetzt schon so lange vorbei, wir sollten besser an die Zukunft denken, auch da gibt es große Probleme zu bewältigen“.

Doch das Gegenteil ist der Fall. Wir als Nachfahren tragen die Verantwortung für dafür, dass sich die Verbrechen der Nazizeit nicht wiederholen.
Das Wachhalten der Erinnerung an vergangene Geschehnisse unserer Geschichte ist daher notwendig. Gerade auch an die Jahre und Ereignisse, die nicht zu den ruhmreichen, sondern zu den schmachvoll und peinlichen zählen. Eine Kultur des Gedenkens und Erinnerns ist unabdingbar, um den seit 70 Jahren währenden Frieden und ein Leben in demokratischer Freiheit, das manche schon für zu selbstverständlich nehmen, zu bewahren.

Das KZ Natzweiler
Wenn von der Ermordung von mehr als sechs Millionen Juden, hunderttausenden Sinti und Roma, Schwulen, Kommunisten und politischen Gefangenen gesprochen wird, denken die meisten an die in Polen eingerichteten Vernichtungslager Auschwitz Birkenau, Majdanek, Sobibor, Treblinka und Belzec. Doch neben den Vernichtungslagern gab es auch viele andere Konzentrationslagern wie Kriegsgefangenenlager und Arbeitslager, deren Zahl in den letzten Kriegsmonaten stark anstieg.
Eines davon ist das weniger bekannte im Elsass gelegene KZ Natzweiler-Struthof mit seinen bis zu 33 Außenlagern. Im Stammlager Natzweiler, das im Mai 1941 eröffnet wurde, waren etwa 6000 Häftlinge interniert. Doch in den Außenlagern, die sowohl links wie rechts des Rheins lagen, waren viele tausende weitere Menschen verschleppt worden
Insgesamt waren es ca.52.000 Häftlinge, die dem KZ Natzweiler zugeordnet waren. In der Mehrzahl politische Häftlinge, viele aus der französischen Resistance, Kriegsgefangene , Juden, Zigeuner, Zeugen Jehovas, Homosexuelle und so genannte „Nacht und Nebel Gefangenen“. So wurden politisch missliebige Menschen bezeichnet, die teilweise auf offener Straße verhaftet und deportiert wurden, ohne dass  Angehörige über ihren Verbleib informiert wurden.
22.000 Gefangene starben infolge von Entkräftung, Kälte, Mangelernährung und lagerbedingten Krankheiten oder wurden ermordet, erschlagen, erschossen, erhängt und sogar vergast. Hierzu gibt es gerade im Tübingen Schloss eine Ausstellung. Der Tübinger Anthropologe Hans Fleischhacker hatte 1943 in Auschwitz 89 jüdische Häftlinge selektiert, die dann in einer eigens errichteten Gaskammer in Natzweiler ermordet wurden.

Evakuierung des Stammlagers KZ Natzweiler  
Entgrenzung des KZ Systems und Aussenlager
Gegen Ende des Krieges verschärfte sich die Situation für die Häftlinge extrem. Allein zwischen Oktober 1944 und April 1945 wurden 14.000 Menschen ermordet oder kamen auf den Todesmärschen um. Ende des Jahres 1944 rückte die Front der Alliierten im Westen näher. Das Stammlager Natzweiler wurde evakuiert, die Häftlinge nach Dachau verlegt und dann wieder auf die Außenlager im Südwesten verteilt. Der Name Natzweiler blieb erhalten, die Kommandatur und die Organisation wurden in die  Neckardörfer Guttenbach und Binau bei Mosbach verlegt. In den darauf folgenden Monaten wurden in Süd-West-Deutschland viele kleine KZ und Arbeitslager erst gegründet. Von 30 Außenlagern seien nur einige als Beispiel erwähnt.

Echterdingen, gegründet im November 1944. Ungefähr 600 jüdische Häftlinge mussten das Flugfeld nach Bombardierungen durch die Allierten wieder reparieren.

Leonberg, gegründet im Frühjahr 1945. Ca. 3000 Häftlinge produzierten dort die Tragflächen den Flugzeughersteller Messerschmitt

Vaihingen/Enz: Am 11. August trafen 2187 jüdische Gefangene ein, die an der Rampe in Auschwitz als arbeitsfähig selektiert wurden. Sie sollten unterirdische Bunker zur Flugzeugproduktion von Messerschmitt errichten. Ab dem 10. November wurde Vaihingen als Krankenlager betrieben. Von den anderen Außenlagern, vor allem den Wüste-Lagern bei Balingen wurden kranke Häftlinge zum Sterben hierher verlegt.

Geisenheim: Am 12. Dezember 1944 kamen 200 weibliche KZ-Gefangene (überwiegend polnische Jüdinnen aus dem Ghetto Lodz) hierher. Die Häftlinge waren im KZ-Auschwitz als „arbeitsfähig" selektiert worden und über das KZ Bergen-Belsen hierher gebracht worden. Für die Firma Krupp/Essen stellten sie Verschlüsse für Flak-Geschütze her.

Wer waren die in Calw gefangenen Arbeitssklavinnen?
Es waren ungarische Jüdinnen und zwanzig Polinnen.  Zwischen dem 15. Mai und dem 9. Juli 1944, also in nur knapp zwei Monaten wurden aus den ungarischen Ghettos über 430.000 Juden nach Auschwitz deportiert. Die SS bezeichnete die Deportationen als „Ungarn Aktion.
Nach ihrer Ankunft an der berüchtigten Rampe wurden die ungarischen Juden selektiert. In arbeitsfähige und solche, die sofort ermordet werden sollten. Unter Schlagen und Schreien wurden sie von ihren Familien getrennt. Die meisten davon wurden noch am gleichen Tag vergast. So genannte Arbeitsfähige wurden kahl geschoren und in Häftlingsdrilliche gesteckt. In den Tagen darauf sollten sie auf die Außenlager im Deutschen Reich und den besetzten Gebieten verteilt werden.

Die kriegwichtigen Rüstungsbetriebe benötigten dringend Arbeitskräfte. Die meisten Männer waren gefallen oder im Kriegseinsatz, die Frauen konnten die Arbeitskräfte nicht allein ersetzen. So kam es zu der aus SS Sicht unlogischen Deportation von jüdischen Menschen ins „judenfreie Reich“. Doch auch für diese Häftlinge war früher oder später der Tod vorgesehen, nach der zynischen Formel von Goebbels „Vernichtung durch Arbeit“.

Das Aussenlager Calw
Im Herbst 1944 wurde der zum Kommandaturstab des KZ Natzweiler gehörende SS-Hauptscharführer Josel Seuss mit der Einrichtung des Außenlagers Calw beauftragt. Das Lager wurde im Betriebsgebäude der Luftgeräte GmbH Lufag eingerichtet und bestand vom 15.1.1945 bis zum 2.4.1945. Die Frauen mussten Drehteile für Befestigungen von Flugzeughauben herstellen. Dabei wurden Sie von 10 – 15 Bewachern und 4 Aufseherinnen, die die Lufag stellte, bewacht.

Am 14 September wurden 199 ungarische und polnische jüdische Häftlingsfrauen von Auschwitz ins Arbeitslager Rochlitz, ein Außenlager des KZ Flossenbürg in der Oberpfalz – verlegt. Von dort wurden sie am 13.Januar nach Calw gebracht. Sie wurden in ungeheizte Güterwaggons gepfercht , ohne Verpflegung oder sanitäre Einrichtungen. In Nürnberg waren sie einem Fliegerangriff ausgesetzt, während sich die Bewacher in Sicherheit brachten.
Der in Wankheim lebende Josef Seubert, dessen vergrifenem Buch „Von Auschwitz nach Calw“ wir die meisten Informationen über die damaligen Geschehnisse verdanken, zitiert den leitenden Ingenieur der Lufag:
„Bei tiefer Kälte kamen Frauen mittleren Alters und jüngere und ganz junge Mädchen (ab 12 Jahren) in einer ganz fürchterlichen, elendsvollen Verfassung an. Sie waren ohne Ausnahme stark unterernährt, etwa 20 von ihnen wegen ihres Schwächezustands zunächst nicht arbeitsfähig, schlecht oder kaum gekleidet, meist ohne Schuhzeug   und keine hatte persönliches Eigentum, nicht einmal ein bisschen Seife, eine Kamm oder dergleichen. Also bar jeder Habe…“ (Seubert S. 27) 
Die Frauen waren im zweiten Stock untergebracht, der zumindest heizbar war. Ihre zusammen gestückelte Kleidung wurde durch eine Hose und eine Jacke aus gestreiftem, groben Drillich, der üblichen KZ Kluft, ersetzt. Socken und Unterwäsche waren Mangelware. Als Schuhe bekamen sie Holzschuhe. 

In den letzten Märztagen wurde auch für die Frauen deutlich, dass das Kriegsende näher kam. Sie konnten sich durch liegen gebliebene Zeitungen, Kontakte mit holländischen Fremdarbeitern und durch Beobachtung der alliierten Bomer mit dem Ziel Stuttgart eine Vorstellung von der Lage machen.
Als sie Panzersperren bei enem Aussenarbeitseinsatz errichten sollten, mussten sie sich sogar bei einem Fliegerangriff auf ihre Bewacherinnen legen, um diese zu schützen. Die Tiefflieger , so die Vorstellung, würden nicht auf die an ihrer gestreiften Häftlingskleidung erkenntlichen Frauen schießen. 

Evakuierungsmarsch  April 1945
Zwanzig kranke und nicht marschfähige Frauen wurden mit Lastwagen zum nächsten Bahnhof gebracht und dann mit dem Zug nach Osten verlegt. 180 Frauen wurden von den SS Bewachern und den Aufseherinnen auf den Weg in Richtung Tübingen getrieben. Ständige Tieffliegerangriffe zwangen den Zug dazu, die täglichen 20-30km vor allem bei Nacht zurück zu legen. Hierzu Josef Seubert (S. 34):

„Um zu ermessen, was dies für die ohnehin schon geschwächten Frauen und jungen Mädchen bedeutete, muß man sich vor Augen halten, daß sie für einen solchen Marsch mitten im April weder vorbereitet, noch mit den entsprechenden Kleidern und Schuhen ausgerüstet waren. Als Schutz gegen die Kälte durften sie zwar eine Schlafdecke aus Calw mit­nehmen und als Umhang benutzen, bei Regen saugten sich jedoch die Decken voll und waren sehr schwer zu tragen. Ebenso ungeeignet waren die Holzpantinen, die den Frauen die Füße wundscheuerten, so daß es viele vorzogen barfuß zu gehen. Dazu kam, daß sie während der ganzen Zeit nicht genügend zu essen erhielten. Obwohl der verantwortliche SS­ Oberscharführer an den jeweiligen Quartierorten die Bereitstellung von Lebensmitteln anordnete, reichten gekochte Kartoffeln und Magermilch auf die Dauer nicht aus, den Hunger der Frauen zu stillen. Sie aßen daher gelbe Rüben, Zwiebeln, rohe Kartoffeln und Kuhrüben, die sie in den Scheunen fanden, aber auch Sauerampfer, Gras und Schnecken.? Zum Glück trafen sie gelegentlich mitleidige Menschen, die ihnen trotz des Verbots der SS und ungeachtet der eigenen Notlage etwas Brot und Äpfel zusteckten. Von den Lebensmitteln, die sie auf einem Leiterwagen für ihre Bewacher mitführten, erhielten sie nichts“

Zwei Tage hielten sich die Frauen in der Kusterdinger Scheuer auf. Mit mitgebrachten Bleistiften schrieben sie ihre Namen, Herkunftsorte und die Daten 5.IV. 1945 und 6.IV. 1945 auf Balken  in der Scheuer. Wie ich von Josef Seubert erfahren habe, wurde er von der Besitzerin Frau Maria Walker auf die Inschriften aufmerksam gemacht. Als die Scheuer dann wegen angeblicher Baufälligkeit abgerissen werden sollte, trat das Stuttgarter Museum „Haus der Geschichte“ auf den Plan. Die Balken wurden ausgebaut und bis jetzt im Magazin des Museums verwahrt.

Die Inschriften lauten:Bilder-von-Balken-Web.jpg
„Hier halten wir uns 2 Tage auf, wir sind zu Fuß gekommen Sprei Anci und Manyi aus Mezöcsat. Gott kann uns helfen, daß wir unsere Fa­milien wiedersehen. Gott weiß, wo wir Ungarn sind. Wir leiden viel, wir haben großen Hunger, schlechte Schuhe, wir sind sehr verzagt.“
Auf einem anderen Balken sind Namen festgehalten:
„Gärtner Ferencne, Gärtner Jenöne, Heisler Margit.“

Auf einem dritten Balken steht:
„Wir glauben, daß Gott uns helfen wird. Raki (oder Hliki) Manyi aus Huszt, Ungarn, 6.IV.1945. Grünstein Aranka, llona 5.IV.1945. Weisz Agi, Miskolc.“
Mit den Inschriften wollten die Frauen ein vielleicht letztes Lebenszeichen in Ihrer ungewissen Zukunft hinterlassen.
In Kusterdingen blieb der Zug der Frauen natürlich nicht unbemerkt. Die damals 14 jährige Maria Bodemer berichtete mir, dass sie den Abmarsch der Frauen die Kirchentellinsfurter Strasse hinunter beobachtet hat. Der Anblick vor allem der bewaffneten Wachmänner machten ihr und ihrer Freundin Angst, so dass sie sich auf einem Wiesengrundstück versteckten und das Ganze von der Ferne aus beobachteten. An weitere Einzelheiten kann sie sich leider nicht erinnern, nur dass nachher im Dorf darüber gesprochen wurde, dass Frauen den Häftlingsfrauen Brot zugesteckt haben sollen. Auch sollen die Bewacher zugelassen haben, dass eine Diakonissenschwester namens Luise die Füße der Frauen wundversorgte.

Über Talheim, Gerstetten, Ulm Memmingen Kempten wurden die Frauen weiter ins AllgäuRoute-Todesmarsch.jpg getrieben.  Dann kam es wohl zu einem letzten Schrecken, als sich die Wachmannschaften sich in einem dichten Wald die Uniformen auszogen wurde das zuerst als Vorbereitung zu einer Exekution gedeutet. Tatsächlich sind die Bewacher einfach abgehauen und überließen die Frauen ihrem Schicksal. Diese fanden sich plötzlich allein zwischen den Fronten wieder. In kleineren Gruppen versteckten sie sich in Berghütten, Heuschobern und Gehöften. Endlich wurden sie zwischen dem 28. April und dem ersten Mai von amerikanischen Truppen befreit.  

Ich möchte meinen Vortrag schließen, in dem ich eine Betroffene, Frau Elisabeth zu Wort kommen lasse, die die ganzen Ereignisse  in einem Brief vom 18.12.1988 an Norbert Weiss vom Calwer Arbeitskreis zur Lokalgeschichte schilderte:
 „Sehr geehrter Herr Weiss, ich war neugierig, wen noch nach 4 langen Jahrzehnten das Schicksal der 200 Frauen interessiert, die 1944 in Calw waren ... Es ist (jedoch) wichtig, daß die Nachwelt erfährt, was sich im 20. Jahrhundert in dem Land ereignete, wo die Wissenschaft hätte an die Macht kommen sollen und nicht die schonungslose Vernichtung nur deshalb, weil jemand als Jude geboren wurde ... Wir, die diese Zeit überlebten, können bezeugen, welch schreckliche Dinge wir durchgemacht haben. Obwohl es schon 40 Jahre her ist, sind die Wunden und der Schmerz in mir noch lebendig. Jetzt versuche ich, Ihre Fragen zu beantworten: Ich wurde 1927 in Abaujszanto5 geboren, in einem Dorf in Ungarn mit 5 000 Einwohnern. Mein Vater hatte ein Geschäft, meine Mutter war Hausfrau. Ich hatte einen zwei Jahre älteren Bruder. Wir hatten ein ruhiges, schönes Leben, bis uns die Judengesetze immer mehr Schwierigkeiten bereiteten.
Wir wurden Menschen zweiter Klasse. Ich wollte gerne weiter lernen, aber 1942 wurde ich nicht mehr in das Gymnasium aufgenommen. lch lernte nähen, weil es in unserem Dorf nichts anderes gab ... Unter der Woche sahen wir den Vater praktisch nur abends. Er erzählte immer lustige Geschichten über das, was sich am Tage ereignet hatte. Die Fei­ertage waren schön und vertraut. Die Familie war zusammen, meine Eltern waren religiös und wir wurden auch so erzogen.
All das wurde zerstört, als die Deutschen am 19.3.1944 ins Dorf, d.h. nach Ungarn kamen. Täglich erließ man strengere Gesetze und Be­schränkungen. Wir mußten gelbe Sterne auf unsere Kleider nähen und es herrschte Ausgehverbot. Unsere Nachbarn sagten: »Sie bleiben nicht mehr lange da. Man wird sie zur Arbeit bringen und töten. Dieses Dorf wird judenfrei und alles wird uns gehören.«

Nach dem Passahfest, um den 20. April, begann die Deportation. Groß und klein versammelte sich auf der Straße und viele sahen lächelnd zu, wie wir beschämt aus unseren Heimen vertrieben wurden. Wir durften nur das Nötigste mit uns nehmen. Der Gendarm, der uns abholte (ein ehemaliger Klassenkamerad meines Bruders) sagte, daß wir sowieso nichts brauchten, weil der Führer befohlen hätte, alle Juden zu töten. Ich sah meinen Vater zum erstenmal weinen, als jemand anders die Tür hinter uns schloß, und er vielleicht spürte, daß das für immer ist. Wir wurden in der Dorfschule, in die ich bis dahin gegangen war, zu­sammengepfercht. Die Enge war schrecklich, die, die keinen Platz in den Bänken fanden, mußten auf dem Fußboden sitzen. Wir wurden dauernd gestört, man suchte Schmuck und Geld. Diejenigen, die diesen Besitz nicht hergeben wollten, wurden von alten Bekannten, Nachbarn, sogar von alten Schul-und Spielkameraden verprügelt. Das alles kam von der Hetzpropaganda gegen uns. Am nächsten Morgen wurden wir zum Bahnhof gebracht. Eine lange Reihe von Waggons wartete auf uns. In jeden Waggon wurden 100 Men­schen getrieben, man konnte sich kaum bewegen. Man hat uns nicht gesagt, wohin die Reise geht ... Nach einigen Stunden kamen wir in Kosice an.Wir wurden bei jüdischen Familien untergebracht. Von hier aus durften wir noch frei in die Stadt gehen, um Essen zu kaufen und zu hören, was auf uns wartet ...

Nach einigen Tagen holten uns Lastwagen ab. Wir wurden in die Zie­gelfabrik gebracht, wir dachten, um zu arbeiten, aber das war auch nur ein provisorischer Aufenthaltsort, unter noch schlimmeren Bedingun­gen, fast unter freiem Himmel. Der Raum zum Ziegeltrocknen hatte nur ein Dach. Wind und Regen erreichten uns, wir lagen auf dem Boden in unseren Kleidern. Der Mantel war unsere Decke, wir schmiegten uns an unsere Eltern, so wärmten wir uns. Niemand wußte, was mit uns geschehen wird. Damals hatten wir noch nicht von Auschwitz gehört, wir waren der erste Transport aus Kosice. Unser kleines Gepäck wurde wieder durchsucht. Was sie wollten, nahmen sie sich, z.B. den pelzgefütterten Wintermantel meines Vaters, das einzige warme Stück, womit wir uns zudeckten. Erneut warteten Waggons auf uns. In jeden Waggon wurden 110 Menschen gepfercht (»sie« nannten uns Tiere). Es gab einen Eimer mit Wasser und zwei leere Eimer für unsere Notdurft. Sie schlossen die Türe, und der Todeszug fuhr ab. Es ist schwer, den Anblick wiederzugeben. Wir sahen uns nur an. Die Leute sprachen kaum. Viele beteten, baten um Gottes Hilfe. Wenn ich mich recht erinnere, hielt der Zug an zwei Orten. In unserem Waggon gab es bis dahin einen Toten, aber man ließ ihn nicht herausnehmen und begraben, nur die schmutzigen Eimer wurden ausge­leert. Wir wußten nicht, wo wir waren, wir sahen keine Schilder. Vielen wurde es schlecht, sie fielen in Ohnmacht. Meine Mutter hatte einige Stücke Würfelzucker, sie versuchte, uns damit durchzubringen. Am dritten Tag starb noch jemand, angeblich nahm er Gift, er spürte, was auf ihn zukommt.

Der Zug hielt, und die Türe wurde von Männern in gestreiften Anzügen gestürmt. Sie luden unser Gepäck auf Wagen, und uns riefen sie zu: »Schnell, schnell, raus aus dem Waggon!« Unten waren deutsche Soldaten und hinter dem Stacheldraht Menschen in Anzügen mit merk­würdigen Augen. Wir wurden in Fünferreihen aufgestellt. Inzwischen fragte man, ob jemand schwanger oder krank sei, diese würden mit dem Auto abgeholt. »Wer hat Schmuck?« Wir gingen ein paar Meter, dann wurden mein Vater und mein Bruder Laci in eine andere Kolonne ein­geteilt, man sagte, die Männer gingen in ein getrenntes Bad. Während wir gingen, wurden wir angeschaut und gefragt, wie alt wir wären. Dann waren aus der Familie nur noch meine Mutter und meine zwei kleinen Kusinen mit mir zusammen. Ein Offizier in weißer Uniform sah uns freundlich an und entschied über unser Schicksal mit einer Handbewegung ... Ehe ich mich besinnen konnte, war meine Mutter nicht mehr bei mir. Ich trat aus der Reihe, um ihr nachzulaufen. Jemand schob mich energisch zurück. Alles geschah sehr schnell, und wie es sich später herausstellte, wurden wir immer belogen. Sie sagten, daß wir die Familie wieder treffen würden, aber zuvor brächten sie uns zum Bad. Zuerst wurden wir geschoren und von allen Haaren befreit. Dann wurden wir in einen großen Saal gebracht, wo wir uns nackt ausziehen mußten. Wir mußten unsere Kleider so ablegen, daß wir sie nach dem Bad wieder finden würden. Wir wurden mit irgendeinem Desinfektions­mittel abgewaschen und mit einem Pulver besprüht. Dann kam das Duschen. Kaum kam ein bißehen Wasser, wurden wir in einen anderen Raum geschickt. Hier erhielten wir graue Kleider und Schuhe, was wir eben aussuchen konnten. Unterwäsche gab es nicht. Unsere eigenen Kleider sahen wir nicht wieder. Erneut die Fünferreihe. Wir wurden in eine Baracke gebracht, wo es dreistöckige Betten gab. Hier fanden wir slowakische Mädchen, die schon seit Jahren hier waren. Sie sagten uns die Wahrheit, daß wir auf niemanden warten sollten, daß unsere Eltern verbrannt würden, und daß der Geruch, der in der Luft lag, vom Krematorium käme. »Wenn ihr raus­geht, könnt ihr den Rauch vom Schornstein sehen«, sagten sie. Sie belogen uns nicht. Wir erfuhren die schreckliche Wahrheit, aber wir konnten sie nicht begreifen ...

(Von Auschwitz wurden wir) nach Krakau-Plaszow gebracht, wirk­lich zu Arbeit. Das Lager war im jüdischen Friedhof aus Holzbaracken errichtet. 1940 wurden hier Polen konzentriert, und diejenigen, die noch am Leben waren, wurden unsere Aufseher, natürlich unter der Aufsicht von deutschen SS-Soldaten. (Es folgt die Schilderung der Erlebnisse in Plaszow) ...

Wir blieben nicht mehr lange in diesem Lager. Zuerst wurde hier und da geflüstert, daß es gesprengt würde, weil die Russen kämen. Dann wurde gesagt, daß wir woanders hingebracht würden, es gebe aber nicht genug Waggons, es werde selektiert. Wir waren so apathisch, daß uns das kaum interessierte. Aber als beim Appell am Abend verkündet wurde, daß wir wieder nach Auschwitz ge­bracht und in der Nacht einwaggoniert würden, hatten wir doch Angst Wieder Lastwagen, Güterzug und viele erschöpfte Frauen. Zum Glück konnten die polnischen Frauen ein bißehen Wasser bringen, und diejenigen, die in Ohnmacht fielen, konnten ein paar Tropfen bekom­men. Nach langer Reise wurde die Tür aufgemacht. Wir waren in Au­schwitz. SS-Soldaten, Hunde, Fünferreihe, Selektion. Die Frauen, die . durch die schwere Arbeit kaputtgegangen oder krank geworden waren, wurden gleich ins Krematorium gebracht.

' Wir wurden wieder geschoren, auf meinen Arm wurde die Nummer A 20 511 tätowiert ... Hier arbeiteten wir nicht. 5 Uhr morgens war Zäh­lappelI, der Stunden dauerte. Wir erhielten etwas zum Trinken und zu Mittag (eine) braune Suppe. Wir hatten ein schreckliches Leben. Wir wurden brutal behandelt. Zwischen den Baracken lagen menschliche Ruinen im Sand, und wer starb, wurde ... auf Holzkarren ins Krematori­um gebracht. Das war hier ein alltäglicher Anblick. Eines Morgens, nach dem Appell mußten wir uns nackt in Fünferrei­hen aufstellen, aber weit voneinander. Unter den SS-Soldaten stand ein Mann, wenn ich mich richtig erinnere, in Zivilkleidung, und beobachte­te, ob wir Wunden oder Ausschläge hatten. Er wählte 200 Frauen aus. Bevor wir in die Waggons stiegen, erhielten wir Schuhe, Kleider und Brot. Wir wußten nicht, wohin wir gebracht werden, aber wir waren froh, daß wir aus dieser Hölle auf Erden herauskamen. In Waggons wurden wir nach Rochlitz gebracht. Sie sagten uns, daß wir in einer Fabrik unterrichtet würden. (Es folgt die Schilderung des Aufenthalts in Rochlitz) ... Calw war die nächste Station. Vor einem großen Gebäude warteten SS-Soldaten auf uns. Wir wurden gezählt und in einen riesigen Saal ge­bracht. Die Rolladen waren geschlossen, kein Licht drang von außen herein. Es gab dreistöckige Betten mit zwei dunkelgrauen Decken pro Person. Wir wußten, daß wir nichts fragen durften. Nach einiger Zeit kamen zwei SS-Soldaten und zwei Bewacherinnen herein. Sie sprachen mit der Lagerältesten und sie sagte uns weiter, daß wir in der Fabrik im ersten Stock arbeiten würden, und daß wir mit den Vorarbeitern nur über die Arbeit sprechen dürften. Ich wurde zu einer Revolverdrehbank eingeteilt. Ich mußte Zylinder produzieren, einen etwa 3 cm dicken Eisenstab in einer gewissen Breite aushöhlen, abschleifen und an beiden Enden Schraubengewinde drehen. Wir mußten auf die hundertstel Millimeter genau arbeiten. Während der Arbeit wurden wir kontrolliert, die Fehler wurden als Sabotage dekla­riert und wir bekamen verschiedene Strafen. Wir arbeiteten täglich 10­-12 Stunden, nur nachts. (Es folgen weitere Einzelheiten über den Auf­enthalt in Calw) ...

Jetzt gab es sehr häufig Fliegeralarm. Die Lagerälteste sagte uns, daß wir weiter transportiert würden, wahrscheinlich mit dem Zug. Wer schlechte Schuhe habe, bekomme neue Holzpantinen und wir könnten unsere Decken mitnehmen, da es sehr kalt sei ... Am nächsten Tag brachen wir auf, zu Fuß. Wir wußten nicht, ob wir die Befreiung noch erleben würden. In der ersten Nacht legten wir 30 km zurück, unsere Wächter trieben uns immerfort mit "Los! Los!" Rufen. Wir hatten kaum Kraft, da wir durch den Aufenthalt in der Fabrik das Gehen und die frische Luft nicht mehr gewöhnt waren. Endlich hielten wir an. Wir wurden in eine Scheune getrieben und bewacht, damit wir nicht hinaus­gingen und damit wir nicht gesehen würden. Vor lauter Müdigkeit konnten wir nicht einmal essen. Wir blieben dort bis zur Dunkelheit. In derNachtgingen wir weiter, immer aufkleinen Waldwegen,jetztschon 40 km, in Fünferreihen, einander am Arm haltend und stützend. (Es folgen weitereEinzelheitenüberden VerlaufdesEvakuierungsmarsches bis zur Flucht der Bewacher und der Auflösung in kleinere Gruppen) ...

(Unsere Gruppe fand) zwei Soldaten, die ungarisch sprachen. Wir baten sie um Hilfe. Sie nahmen uns zu dem Haus mit, wo sie unterge­bracht waren. Es war ein warmes Zimmer mit Stroh auf dem Fußboden. Die Hausfrau hatte Mitleid, und fragte nicht, wer und von wo wir waren. Sie brachte warmen Kaffee und Brot, und half uns die Decken aufhän­gen. Wir legten uns auf das Stroh, todmüde, aber wir wußten, daß wir wieder freie Menschen waren. Die Frau bat uns, (noch) in der Nacht weiterzugehen, weil sie bestraft werden könnte, wenn sie Fremde in ihrem Haus hätte. Wir sagten ihr, daß wir ... früh am Morgen weggehen würden. Auf den Häusern wurden weiße Fahnen befestigt. Die Stadt hieß Füssen ... Als wir am Hauptplatz ankamen, sammelte sich bereits eine Menge, um die befreienden ameri­kanischen Soldaten zu begrüßen. Um 12 erklangen die Glocken in den Kirchen. Die Menschen umarmten sich, die Freiheit begrüßend. Wir nahmen an diesem Jubel nicht teil. Vor unseren gestreiften Kleidern und kahlen Köpfen schreckte jeder zurück ...

Von Buching gelangten wir nach Sonthofen und nach einigen Wochen nach Feldafing... Es gab hier Tausende von Leuten. Nach drei Wochen erhielten wir die Nachricht, daß wir nach Hause fahren durften. Unsere Freude war (aber) nicht vollkommen. Wir wußten nicht, was uns erwarten und wen wir noch am Leben finden würden.

Wir brachen am 10.9. auf, eine Gruppe von tausend Ungarn. Wir hatten eine bequeme Bahnfahrt ... Jetzt, wo wir frei waren, genossen wir den Anblick der schönen Gegend ... Wir fuhren nach Pilsen, Prag und Bratislava ... Am 19.9. kamen wir in Pest an. Hier erfuhr ich sehr bald, daß niemand aus meiner Familie überlebt hatte, und von den entfernte­ren Angehörigen auch nur sehr wenige.

Ich blieb in Budapest und heiratete 1948. Ich bekam einen Sohn und 1957 gingen wir nach Israel. Wir ließen uns in Beer Sheva nieder. Mein Mann starb 1974, ich erzog meinen Sohn allein. 1980 heiratete ich wieder. Die Familie wurde wieder groß, wir haben vier erwachsene Kinder und bereits sieben Enkelkinder. Wir haben ein glückliches und friedliches Leben.

Zum Glück kam ich gesund durch die Heimsuchungen der Schrec­kenszeit. Vor etwa 20 Jahren bekam ich 5 000 DM »Wiedergutma­chung«. Über eine Reise nach Calw muß ich noch nachdenken. Vorläu­fig kann ich Ihnen keine endgültige Antwort geben. Lange Zeit konnte ich über diese Begebenheiten nicht einmal reden ...

Mit freundlichen Grüßen

Elisabeth Isaac (geb. Erzsebet Lederer)

Wahlveranstaltung mit Chris Kühn

Bundestagsabgeordneter Chris Kühn zu Gast in Kusterdingen

Am Sonntag, 16. Juli konnten wir den Bundestagsabgeordneten der Bündnis 90/Die Grünen für den Wahlkreis Tübingen, Chris Kühn in Kusterdingen begrüßen. Chris Kühn ist in der der Bundestagsfraktion Sprecher für Bau- und Wohnungspolitik und vertritt seine Fraktion als ordentliches Mitglied im Ausschuss für Umwelt, Naturschutz, Bau- und Reaktorsicherheit sowie als Obmann im Unterausschuss Kommunales.

Der Saal im Obergeschoss des Bauernhofcafés "Im Höfle" bot wieder einmal einen schönen Rahmen für unsere sonntägliche Matinée. Paul Starrach, Vorsitzender des Vereins Härtenliste, Umweltschutz und Demokratie e.V., moderierte die mit rund 30 Gästen einigermaßen gut besuchte Veranstaltung.

Zu Beginn erfuhren die ZuhörerInnen einige persönliche Dinge über Kühn und seinen beruflichen Werdegang. Zur Frage, wie es denn sei, vor dem Bundestag zu sprechen, meinte er schlicht "Es gibt schwierigere Reden als im Deutschen Bundestag".

In der anschließenden Diskussionsrunde mit den Gästen ging es zunächst um Kühns Hauptthema, das Bauen und Wohnen, vor allem unter dem Aspekt der sozialen Gerechtigkeit. Kühn zeigte auf, dass es nicht einfach ist, für den Siedlungsdruck auf Städte mit Gewerbe und guter Infrastruktur passende Steuerungsinstrumente zu entwickeln.

Fast zwangsläufig folgte die Frage, wie ländliche Regionen durch den Ausbau des ÖPNV, aber auch durch möglichst emissionsfreie individuelle Mobilität (Stichworte: Elektrofahrzeuge, Abschaffung von verbrennungsmotorgetriebenen Fahrzeugen, autonomes Fahren) die Anbindung an die Städte gelingen können.

Zuletzt folgte noch ein Themenblock zu sozialen Themen, dem Ausgleich wirtschaftlicher Ungerechtigkeiten (wirtschaftliche und politische Eliten), die stark asymmetrische Verteilung von Vermögen, das bedingungslose Grundeinkommen, Familienbudget, Garantierente und verwandte Themen.

Chris Kühn wies darauf hin, dass die Grünen im Bundestag eine vergleichsweise kleine Fraktion darstellen und dementsprechend viele Aufgaben auf wenige Schultern verteilt werden müssten. Nicht jede/r grüne Bundestagsabgeordnete könne auf jedem politischen Gebiet Spezialist sein. Für viele der Themen, die im Bundestagswahlkampf aufgezeigt würden, sei auch Wissen von Fachleuten aus Wissenschaft und Wirtschaft nötig und beigetragen worden. Auf die Frage von Paul Starrach, wie denn die Grenzen zum Lobbyismus gezogen würden, meinte Kühn, dass dies für alle Abgeordnete immer eine Frage des Gewissens sei.

Dieter Stoll und Birgit Wanner-Stoll, auf den Härten bestens bekannt als das Bluegrass-Duo "Horse Mountain" umrahmten die Veranstaltung mit thematisch ausgewählten Stücken. 

Paul Starrach
Vorstandsvorsitzender

Chris und Gaeste 640x480.jpg

Nein! zu Glyphosat

Europäische Bürgerinitiative zum Verbot von Glyphosat

Glyphosat ist ein biologisch wirksamer Stoff, der seit den 1970er Jahren zur Unkrautbekämpfungin in der Landwirtschaft eingesetzt wird. Die WHO-Krebsforschungsagentur (IARC) bewertet Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend“ für Menschen. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) und die Europäische Chemie-Agentur (ECHA) kommen dagegen nicht zu diesem Schluss.

Wir alle können warten bis sich aus den vielen Gutachten und Gegengutachten eine gemeinsame Bewertung aller Wissenschaftler ergibt. Oder wir können fordern, dass Glyphosat und verwandte Substanzen aus sogenannten „Pflanzenschutzmitteln“ verschwinden.

Es gibt mittlerweile viele Initiativen, die ein Verbot von Glyphosat fordern. Sie können gerne die Unterschriftenliste für eine Europäische Bürgerinitiative downloaden, ausdrucken, an Freunde und Bekannte weiterreichen und dann bis zum 15. Juni an die dort angegebene Adresse einsenden.

Wer keinen einfachen Zugang zu den technischen Möglichkeiten des Internet hat, darf sich gerne direkt an uns wenden. Wir drucken gerne einige Exemplare für Sie aus.

Neustart: Biotopvernetzung Kusterdingen

Schon 1991 gab es eine Kartierung der Biotope auf der Gemarkung Kusterdingen. Die einzelnen Biotope wurden untersucht und Maßnahmen erarbeitet, was getan werden kann, um die Biotope zu erhalten, verbessern und miteinander zu vernetzen.

Beim Treffen des AK Naturschutz auf den Härten im Mähringer Rathaus im Mai wurde das Konzept wieder durch Ortsvorsteher Fritz Braun vorgestellt und beschlossen, erneut  eine Bestandsaufnahme zu machen und sich wieder der Aufgabe zu stellen. 

Durch ausgeräumte Landschaften, zu frühes Mähen, Einbringen von Pflanzenschutzmitteln, Unkrautvernichter wie Glyphosphat, das im Verdacht steht, krebserregend zu sein und Insektiziden nimmt die Artenvielfalt unter den Pflanzen, Insekten, Vögeln und Kleinsäugern dramatisch ab.
Also Grund genug, jetzt wieder verstärkt in das Thema einzusteigen. Schon jetzt sind etliche Bodenbrüter wie Rebhühner nicht mehr auf den Härten an zu treffen. Doch wenn sich nur die Naturschützer treffen und darüber einig sind, dass dringend gegen diese Entwicklung gegengesteuert werden muss, nützt das nur wenig. Ohne dass die Pächter und Grundsbesitzer mitmachen geht nur auf wenigen gemeindeeigenen Grundstücken etwas voran.

Also Grund genug, jetzt wieder verstärkt in das Thema einzusteigen. Im AK Naturschutz wurden bei den letzten Treffen Vertreter der Landwirte vermisst, die in den ersten Jahren sich rege beteiligten. Es wäre schön, wenn sich auch Landwirte wieder mit dem Thema beschäftigen und zu einem Austausch in den AK Naturschutz zurückkehren. Es gibt zwischen den Naturschützern und den Landwirten  sicher unterschiedliche Ansichten, aber das gemeinsame Ziel, eine lebenswerte Umwelt zu erhalten, nützt schlussendlich uns allen!

Vielleicht hat der eine oder die andere Lust, sich mal die im Maßnahmenkatalog beschriebenen Stellen anzuschauen und zu fotografieren und den Stand zu dokumentieren. Dies ist die Voraussetzung, dann vor Ort im "eigenen Flecka" einen kleinen Beitrag zur Erhaltung der Artenvielfalt bei zu tragen.
Die Ergebnisse können an folgende Maiadresse geschickt werden:

info@m-schauecker.de

Hier der Download eines Auszugs aus dem Skript "Biotopvernetzungskonzept von 1991"

Hier der Download der Karte mit den Biotopen

Der Termin fürs nächste Treffen des AK Naturschutz ist der
11. Juli, 20.00 Uhr, Rathaus Mähringen.

Bereits um 18.00 trifft man sich dort, um einige Stellen der möglichen Biotopvernetzung zu begutachten (mit dem Fahrrad).

Resolution gegen Export von Kleinwaffen

Hier die Antwort vom Ministerium:

Sehr geehrter Herr Dr. Starrach,
vielen Dank für Ihre Nachricht vom 28. 11. 2016 und die von Ihnen an Herrn Minister Gabriel übersandte Resolution des Vereins Härtenliste, Umweltschutz und Demokratie e.V.
Die Bundesregierung betreibt eine zurückhaltende, verantwortungsvolle Rüstungsexportpolitik. Rüstungsexporte sind auch nach Ansicht von Sigmar Gabriel kein Mittel der Wirtschaftspolitik. Ob Ausfuhren von Rüstungsgütern genehmigt werden, hängt in jedem Einzelfall von außen- und sicherheitspolitischen Erwägungen ab. Diese Erwägungen werden regelmäßig bei anstehenden Exportentscheidungen als Maßstab angelegt, bevor eine individuelle Entscheidung getroffen wird.
Sigmar Gabriel sieht ähnlich wie Sie, dass Kleinwaffen besonders sensible Rüstungsgüter sind, da diese in inneren und grenzüberschreitenden Konflikten zu den meisten Opfern führen und leichter von Kriminellen missbraucht werden können. Am 26. Oktober 2016 hat das Bundeskabinett den Zwischenbericht über die Rüstungsexporte im ersten Halbjahr 2016 beschlossen. Auch im ersten Halbjahr 2016 wurde der Kurs einer restriktiven und verantwortungsvollen Rüstungsexportpolitik fortgesetzt. Insgesamt wurden bis zum 30. Juni 2016 Exportgenehmigungen mit einem Gesamtwert von 4,03 Milliarden Euro erteilt. Davon entfallen allein 1,71 Milliarden Euro (rund 42,5 Prozent) auf die EU, NATO und NATO-gleichgestellte Länder, mit denen die Bundesregierung eine besonders enge sicherheitspolitische Partnerschaft verbindet.
Auch die Genehmigungen für Kleinwaffenexporte gingen insgesamt zurück: Von 12,42 Millionen Euro im ersten Halbjahr 2015 auf 11,64 Millionen Euro im ersten Halbjahr 2016. Auf Drittländer, also Länder, die weder der EU noch der NATO angehören oder ihnen gleichgestellt sind, entfiel dabei lediglich ein Genehmigungswert von 3,4 Millionen Euro. Insgesamt wurde Kleinwaffenmunition im Wert von 283,8 Millionen Euro genehmigt, davon entfällt allein auf die USA Munition im Wert von rund 267,7 Millionen Euro - die Verzehnfachung des Genehmigungswertes in diesem Bereich ist daher allein auf die USA zurück zu führen. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die aktuelle Bundesregierung im Rahmen der Möglichkeiten noch kein generellen Stopp bei der Produktion und dem Export von Kleinwaffen und deren Munition verhängen wird. Bundesminister Gabriel wird dennoch auch zukünftig bei seinen Kolleginnen und Kollegen im Kabinett konsequent für seine sehr zurückhaltende Haltung zu Rüstungsexporten werben. Wir bedanken uns im Namen von Bundesminister Gabriel für Ihr Engagement hoffen zeitgleich, dass Sie auch zukünftig dieses sensible Feld konstruktiv-kritisch begleiten und gehen davon aus, dass Sie unsere Antwort den Mitgliederinnen und Mitgliedern Ihres Vereins zur Kenntnis reichen werden.

Mit freundlichen Grüßen
Team Bürgerdialog Referat LB 3 - Bürgerdialog

Bundesministerium für Wirtschaft und Energie Scharnhorststr. 34-37, 10115 Berlin
Internet: www.bmwi.de

Ansprache zum Volkstrauertag 2016 in Immenhausen

von Thomas Nielebock

100 Jahre nach der Somme-Schlacht den Volkstrauertag als einen Tag des Gedenkens an die Toten von Kriegen und die Opfer von Gewalt zu begehen, heißt für uns heute aber auch zu fragen, ob wir nicht auf dem Wege sind, uns einer Situation wie der vor dem 1. Weltkrieg anzunähern, in der der Nationalismus die vorherrschende Einstellung in den Bevölkerungen war. Kriegsbegeisterung kennen wir heute nicht und beim größten Teil der Jugend kann ich nicht erkennen, dass ein Kult der heroischen Tat gepflegt wird. Aber wir stehen vor einer Phase der Aufrüstung und was das uns vermittelte Bild vom Krieg betrifft, so stellt uns die Regierung auch humanitäre Interventionen als machbar und erfolgversprechend vor. Zudem haben wir in unserer Gesellschaft, noch viel mehr in Europa und weltweit gesehen, massive Konflikte um Demokratie und Respekt sowie um die Verteilung des Wohlstandes. Die einen sind als Verlierer der Globalisierung benachteiligt und in manchen Teilen der Welt fürchten die Menschen sogar um das nackte Überleben, die anderen fürchten, etwas von ihrem Wohlstand zu verlieren. Aus diesen Konflikten heraus entsteht Nationalismus. Er schien überwunden.
Mit dazu beigetragen hat die europäische Einigung. Den Politikern war es ab den 1950er Jahren gelungen, einen Zustand in Europa zu schaffen, der uns Bürgerinnen und Bürger nicht nur Frieden, sondern auch Wohlstand, Freiheit und die Möglichkeit gebracht hat, problemlos und ohne Gefahr andere Länder unseres Kontinents kennen und andere Menschen aus diesen Ländern lieben zu lernen. Für unsere Kinder und Enkel ist es gar nicht mehr vorstellbar, dass die Orte ihres Schüleraustauschs und ihrer Ferien einstmals Feindesland waren.

Diese europäische Einigung hat uns Deutschen die Chance gegeben, nach unserem Versagen 1933 und dem von Hitler-Deutschland angezettelten und rassistisch motivierten Krieg und dem Versuch, die europäischen Juden auszurotten, überhaupt wieder Teil der Völkergemeinschaft zu werden. Heute scheint der Nationalismus an vielen Ecken und in vielen Ländern – auch bei uns - wieder auf. Wir sollten uns deshalb vergegenwärtigen, dass – wie der französische Präsident Mitterand es einstmals sagte - Nationalismus letztlich Krieg bedeutet. Was Krieg bedeutet, zeigt uns die Somme-Schlacht, nur dass wir heute über Waffen verfügen, die innerhalb von Sekunden 1,1 Millionen Menschen in den Tod reißen können.

100 Jahre nach der Somme-Schlacht den Volkstrauertag als einen Tag des Gedenkens an die Toten von Kriegen und die Opfer von Gewalt zu begehen, sollte deshalb für uns heißen zu prüfen, ob wir selbst in unserem Alltag nicht schon wieder zu sehr in nationalen Kategorien denken. Wir übersehen dann vielleicht zu rasch, dass die Welt in vielen Bereichen so verflochten ist, dass es nationale Lösungen für unsere Probleme gar nicht mehr geben kann.
Wollen wir etwas voranbringen – und ein eindrückliches Beispiel ist die Eindämmung des Klimawandels – dann ist dies nur mit den anderen und nicht national-orientiert gegen die anderen möglich.
Dem Nationalismus wirken wir auch entgegen, wenn wir anerkennen, dass wir mehrere Identitäten und Zugehörigkeiten haben. Wir sind Immenhäuser, aber auch Kusterdinger, wir fühlen uns als Schwaben und/oder Württemberger, wir sehen uns als Deutsche (oder welche andere Nationalität wir auch haben mögen) und als Europäer. Und zu einem guten Stück sind wir auch Weltbürgerinnen und Weltbürger. Dies sind wir aus ganz eigennützigen Motiven, weil wir in Baden-Württemberg unseren Wohlstand zu einem guten Teil auch den ökonomischen Verflechtung mit der Welt – wenngleich diese gerechter werden müsste, um den Nationalismus anderswo entgegenzuwirken - zu verdanken haben. Wir sind aber auch Weltbürgerinnen und Weltbürger, weil wir in den Genuss der Menschenrechte kommen wollen, wo immer wir uns aufhalten. Wir nehmen sie selbstverständlich für uns in Anspruch. Mit welcher Begründung wollten wir sie dann aber anderen Menschen absprechen? Dies gilt insbesondere für jene, die heute vor Krieg und Gewalt fliehen, um ihr Recht auf Leben zu wahren. Waren es letztes Jahr vor allem die Menschen aus Syrien, so könnten es bald viele aus der Türkei sein. Ortvorsteher Maier sagte dazu letztes Jahr: „Empfangen wir sie mit offenen Armen.“ Das gilt auch heute noch, denn sie sind es, die heute unter Krieg und Gewaltherrschaft leiden und deren elementarste Menschenrechte bedroht sind.
100 Jahre nach der Somme-Schlacht den Volkstrauertag als einen Tag des Gedenkens an die Toten von Kriegen und die Opfer von Gewalt zu begehen, fordert uns auf, sich selbst zu prüfen, ob Versöhnung und Verständigung statt Ausgrenzung und Hass unsere Gedanken und unser Sprechen bestimmen. Gewalt beginnt – und das wissen wir alle – nicht erst, wenn es tätlich wird und Blut fließt. Gewalt ist vielfältiger. Wer hatte nicht das Gefühl, schon einmal durch abwertende Worte und Blicke oder ausgrenzende Taten verletzt worden zu sein? Wie die Bildungsorganisation der Vereinten Nationen UNESCO festgestellt hat, beginnt der Krieg in den Köpfen und damit bei unseren Gedanken und unserer Sprache.
100 Jahre nach der Somme-Schlacht den Volkstrauertag als einen Tag des Gedenkens an die Toten von Kriegen und die Opfer von Gewalt zu begehen, sollte deshalb Anlass sein, das Motto des VdK „Versöhnung über den Gräbern“ nicht nur an diesem November-Sonntag zu bedenken, sondern dieses Motto in den Alltag mitzunehmen. Damit wir im eigenen Umfeld ein bisschen dazu beitragen, der Gewalt und damit auch dem Krieg aktiv vorzubeugen, sollten wir als einen ersten Schritt dieses Motto für unseren Alltag neu übersetzen in die Aufforderung an uns selbst „So wie ich geachtet sein möchte, achte ich auch jene, die nicht so sind wie ich.“