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Ansprache zum Volkstrauertag 2016 in Immenhausen

von Thomas Nielebock
Liebe Mitbürgerinnen und liebe Mitbürger,
ich begrüße Sie auch im Namen unseres Ortsvorstehers Siegfried Maier, der heute nicht hier sein kann, alle recht herzlich zu unserer diesjährigen Gedenkfeier zum Volkstrauertag. Ich danke Ihnen für Ihre Teilnahme an dieser Gedenkveranstaltung und allen Mitwirkenden, die dieser Veranstaltung einen würdigen Rahmen geben.
Im Anschluss an die Ansprachen und das Totengedenken werden wir den Kranz zu den Gedenktafeln tragen und dort niederlegen.
Im November 2016 den Volkstrauertag als einen Tag des Gedenkens an die Toten von Kriegen und die Opfer von Gewalt zu begehen, heißt sich in Gedanken zunächst einmal 100 Jahre zurück in der Geschichte in das Jahr 1916 und weit weg von Immenhausen an die Somme im Nordwesten Frankreich zu bewegen. Dort tobte vom 1. Juli bis 19. November 1916 die sogenannte Somme-Schlacht. Sie brachte keine Entscheidung. Ihr ihr fielen aber in diesen gut 4 Monaten über 1,1 Mio Soldaten zum Opfer. 33 Mio Granaten wurden abgeschossen, was die 100 Granaten pro Minute noch übertrag, die bei Verdun im Frühjahr 1916 abgefeuert wurden. Diese Schlacht macht wie keine andere im 1. Weltkrieg - neben der Schlacht um Verdun - deutlich, mit welcher Menschenverachtung die Oberste Heeresleitungen der Kriegsführenden Staaten Hunderttausende in den sicheren Tod schickten. Was aber hat die Somme-Schlacht mit uns heute zu tun? Zunächst einmal dies: in sie wurden v.a. auch die württembergischen Regimenter geschickt, also wohl auch junge Männer aus Immenhausen, die in der Alten Kaserne in Tübingen ihren Dienst taten. Diese Kaserne ist heute noch mit dem Namen des umkämpften und dem Erdboden gleich gemachten Ortes an der Somme, Tiepval, untrennbar verbunden.
100 Jahre nach der Somme-Schlacht den Volkstrauertag als einen Tag des Gedenkens an die Toten von Kriegen und die Opfer von Gewalt in Immenhausen zu begehen, heißt also sich zu vergegenwärtigen, was der 1. Weltkrieg für Immenhausen bedeutete. Als ich einmal im Rathaus warten musste, betrachtete ich die dort hängende Gedenktafel für die Gefallenen genauer: ich war erschrocken über die große Zahl der Gefallenen, die aus unserer kleinen Gemeinde kamen. Dieser Schrecken verstärkte sich noch, als ich dies ins Verhältnis zur damaligen Einwohnerzahl zu bringen versuchte. Und mir wurde schlagartig klar, dass dieser 1. Weltkrieg für unseren Ort als Ganzes und seine Familien eine Katastrophe gewesen sein musste.
100 Jahre nach der Somme-Schlacht den Volkstrauertag als einen Tag des Gedenkens an die Toten von Kriegen und die Opfer von Gewalt zu begehen, heißt für unsere Gemeinde deshalb zum einen, sich des Leids zu erinnern, dem Einwohner und Einwohnerinnen unseres Ortes ausgesetzt waren, weil ihre Liebsten und diejenigen, die den Hof betrieben oder später betreiben sollten, vor 100 Jahren Opfer der autokratischen Herrschaft im Kaiserreich und zwischen 1933 und 1945 Opfer des Krieges und damit der Gewaltherrschaft des Nationalsozialismus wurden.
Es heißt aber auch sich zu fragen, wie es dazu kommen konnte und was wir aus der Entstehung des 1.Weltkrieges lernen können. In den Krieg waren die Deutschen damals noch
mit einer großen Kriegsbegeisterung gezogen. Nach 6 bis 8 Wochen glaubte man, wieder siegreich zu Hause sein. Dieser Glaube konnte nur vorherrschen, weil in der Gesellschaft Militarismus und Nationalismus bestimmend waren, die innergesellschaftlichen Konflikte um Demokratie und Wohlstandsverteilung einen äußeren Feind nützlich erscheinen ließen, die Jugend ihre Sinnkrise durch eine heroische Tat zu beheben suchte und die Kriegspropaganda ein völlig falsches Bild vom Krieg zeichnete. Das Maschinengewehr machte den Vorstellungen, ein Kriegsheld werden zu können grausam und schnell und für viele ein Ende. Und dabei hätte man es wissen können. Zum einen hatte schon der Amerikanische Bürgerkrieg (1861-65) aufscheinen lassen, wie ein Krieg im industriellen Zeitalter aussieht. Zum anderen legte der polnische Eisenbahn-Unternehmer Johann von Bloch in einer 6-bändigen Studie schon vor dem Krieg dar, dass ein Krieg in Europa im industriellen Zeitalter nur Verlierer auf allen Seiten zurücklassen würde.
 

100 Jahre nach der Somme-Schlacht den Volkstrauertag als einen Tag des Gedenkens an die Toten von Kriegen und die Opfer von Gewalt zu begehen, heißt für uns heute aber auch zu fragen, ob wir nicht auf dem Wege sind, uns einer Situation wie der vor dem 1. Weltkrieg anzunähern, in der der Nationalismus die vorherrschende Einstellung in den Bevölkerungen war. Kriegsbegeisterung kennen wir heute nicht und beim größten Teil der Jugend kann ich nicht erkennen, dass ein Kult der heroischen Tat gepflegt wird. Aber wir stehen vor einer Phase der Aufrüstung und was das uns vermittelte Bild vom Krieg betrifft, so stellt uns die Regierung auch humanitäre Interventionen als machbar und erfolgversprechend vor. Zudem haben wir in unserer Gesellschaft, noch viel mehr in Europa und weltweit gesehen, massive Konflikte um Demokratie und Respekt sowie um die Verteilung des Wohlstandes. Die einen sind als Verlierer der Globalisierung benachteiligt und in manchen Teilen der Welt fürchten die Menschen sogar um das nackte Überleben, die anderen fürchten, etwas von ihrem Wohlstand zu verlieren. Aus diesen Konflikten heraus entsteht Nationalismus. Er schien überwunden.
Mit dazu beigetragen hat die europäische Einigung. Den Politikern war es ab den 1950er Jahren gelungen, einen Zustand in Europa zu schaffen, der uns Bürgerinnen und Bürger nicht nur Frieden, sondern auch Wohlstand, Freiheit und die Möglichkeit gebracht hat, problemlos und ohne Gefahr andere Länder unseres Kontinents kennen und andere Menschen aus diesen Ländern lieben zu lernen. Für unsere Kinder und Enkel ist es gar nicht mehr vorstellbar, dass die Orte ihres Schüleraustauschs und ihrer Ferien einstmals Feindesland waren.
Diese europäische Einigung hat uns Deutschen die Chance gegeben, nach unserem Versagen 1933 und dem von Hitler-Deutschland angezettelten und rassistisch motivierten Krieg und dem Versuch, die europäischen Juden auszurotten, überhaupt wieder Teil der Völkergemeinschaft zu werden. Heute scheint der Nationalismus an vielen Ecken und in vielen Ländern – auch bei uns - wieder auf. Wir sollten uns deshalb vergegenwärtigen, dass – wie der französische Präsident Mitterand es einstmals sagte - Nationalismus letztlich Krieg bedeutet. Was Krieg bedeutet, zeigt uns die Somme-Schlacht, nur dass wir heute über Waffen verfügen, die innerhalb von Sekunden 1,1 Millionen Menschen in den Tod reißen können.
100 Jahre nach der Somme-Schlacht den Volkstrauertag als einen Tag des Gedenkens an die Toten von Kriegen und die Opfer von Gewalt zu begehen, sollte deshalb für uns heißen zu prüfen, ob wir selbst in unserem Alltag nicht schon wieder zu sehr in nationalen Kategorien denken. Wir übersehen dann vielleicht zu rasch, dass die Welt in vielen Bereichen so verflochten ist, dass es nationale Lösungen für unsere Probleme gar nicht mehr geben kann.
Wollen wir etwas voranbringen – und ein eindrückliches Beispiel ist die Eindämmung des Klimawandels – dann ist dies nur mit den anderen und nicht national-orientiert gegen die anderen möglich.
Dem Nationalismus wirken wir auch entgegen, wenn wir anerkennen, dass wir mehrere Identitäten und Zugehörigkeiten haben. Wir sind Immenhäuser, aber auch Kusterdinger, wir fühlen uns als Schwaben und/oder Württemberger, wir sehen uns als Deutsche (oder welche andere Nationalität wir auch haben mögen) und als Europäer. Und zu einem guten Stück sind wir auch Weltbürgerinnen und Weltbürger. Dies sind wir aus ganz eigennützigen Motiven, weil wir in Baden-Württemberg unseren Wohlstand zu einem guten Teil auch den ökonomischen Verflechtung mit der Welt – wenngleich diese gerechter werden müsste, um den Nationalismus anderswo entgegenzuwirken - zu verdanken haben. Wir sind aber auch Weltbürgerinnen und Weltbürger, weil wir in den Genuss der Menschenrechte kommen wollen, wo immer wir uns aufhalten. Wir nehmen sie selbstverständlich für uns in Anspruch. Mit welcher Begründung wollten wir sie dann aber anderen Menschen absprechen? Dies gilt insbesondere für jene, die heute vor Krieg und Gewalt fliehen, um ihr Recht auf Leben zu wahren. Waren es letztes Jahr vor allem die Menschen aus Syrien, so könnten es bald viele aus der Türkei sein. Ortvorsteher Maier sagte dazu letztes Jahr: „Empfangen wir sie mit offenen Armen.“ Das gilt auch heute noch, denn sie sind es, die heute unter Krieg und Gewaltherrschaft leiden und deren elementarste Menschenrechte bedroht sind.
100 Jahre nach der Somme-Schlacht den Volkstrauertag als einen Tag des Gedenkens an die Toten von Kriegen und die Opfer von Gewalt zu begehen, fordert uns auf, sich selbst zu prüfen, ob Versöhnung und Verständigung statt Ausgrenzung und Hass unsere Gedanken und unser Sprechen bestimmen. Gewalt beginnt – und das wissen wir alle – nicht erst, wenn es tätlich wird und Blut fließt. Gewalt ist vielfältiger. Wer hatte nicht das Gefühl, schon einmal durch abwertende Worte und Blicke oder ausgrenzende Taten verletzt worden zu sein? Wie die Bildungsorganisation der Vereinten Nationen UNESCO festgestellt hat, beginnt der Krieg in den Köpfen und damit bei unseren Gedanken und unserer Sprache.
100 Jahre nach der Somme-Schlacht den Volkstrauertag als einen Tag des Gedenkens an die Toten von Kriegen und die Opfer von Gewalt zu begehen, sollte deshalb Anlass sein, das Motto des VdK „Versöhnung über den Gräbern“ nicht nur an diesem November-Sonntag zu bedenken, sondern dieses Motto in den Alltag mitzunehmen. Damit wir im eigenen Umfeld ein bisschen dazu beitragen, der Gewalt und damit auch dem Krieg aktiv vorzubeugen, sollten wir als einen ersten Schritt dieses Motto für unseren Alltag neu übersetzen in die Aufforderung an uns selbst „So wie ich geachtet sein möchte, achte ich auch jene, die nicht so sind wie ich.“